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Neues aus Java

Autor: Benjamin | Datum: 24 Oktober 2011, 08:54 | Kommentare deaktiviert

Was in zweieinhalb Wochen so alles passieren kann: neuer Ort, neue Menschen kennen lernen und alle Namen vergessen, Erdbeben, Krankheit, "can i take a picture with you?", Tropengewitter, alles ist dabei...

Am Samstag 8.10. (6 Uhr) brechen wir Richtung Jember auf. Wir fahren eine kleine und Ausbau bedürftige Straße, die sich wild durch einen Urwald schlängelt. Manchmal tut sich rechts und links ein steiler Abgrund oder ein atemberaubendes und noch im Nebel liegendes Tal auf. Die Landschaft ist fantastisch. Weite Felder, Palmenwälder, Bergspitzen die aus dem Nebel hervorragen. Ein paar Mal sehe ich Kinder am Straßenrand stehen – weit vom nächsten Dorf entfernt. Ich versuche zu schlafen, doch das ist bei der abenteuerlichen Fahrt kaum möglich. Plötzlich rasen uns andere Autos oder mit Zuckerrohr überbeladene Mopeds entgegen, obwohl es die Straße eigentlich kaum zulässt. Einmal halten wir an um Salak zu kaufen. Einen deutschen Namen wird es wohl kaum geben, deswegen nenne ich sie einfach „Schlangenfrucht“, da die braune Schale im Aussehen einer Schlangenhaut ähnelt. Unter der festen Schale befinden sich jeweils drei weiße Fruchtstücke mit Kern. Geschmack... keine Ahnung... auf jedenfall lecker.


Ich habe zwei jüngere Gastgeschwister und meine Wohnung ist klasse. Mein Bruder spricht ein astreines Englisch und deswegen vergesse ich andauernd, dass er erst 14 ist. Ausserdem arbeiten hier zwei Angestellte. Ein Mann, der sich um den Garten und Tiere kümmert und auch das Haus putzt, und eine Frau die kocht, wäscht, putzt und alles das erledigt. Tja... Eigentlich wollte ich ja hier bügeln lernen... wird wohl nichts...

Meine Gastfamilie wohnt direkt neben der Kirche. Deswegen musste ich zum Beispiel am ersten Sonntagmorgen zum Glück nicht so weit gehen, als ich mich in drei Gottesdiensten (6:30 / 9:00 / 17:00) total übermüdet in einer Mischung aus Javanisch und Indonesisch vorgestellt habe. Nach dem Gottesdienst musste ich dann mit jedem der Besucher die Hände schütteln. Ich habe hinterher noch eine Statistik der durchschnittlichen Besucherzahlen gesehen und es waren über 500 Leute.

In Malang war ich gerade soweit, dass ich mir die Namen aller Personen merken konnte. Hier muss ich nochmal von Null anfangen. Man wird von jedem gekannt, aber selber kennt man keinen. Da kriegt man auch schon mal von scheinbar wildfremden Personen Facebook Freundschaftsanfragen. Viele wollen auch Fotos mit mir machen. Einmal wollte ich in einen Musikladen nur ein Gitarre ausprobieren und plötzlich werde ich von der Verkäuferin gefragt, ob wir ein Foto zusammen machen können. Aber das ist offenbar typisch indonesisch...

Hier sprechen weniger Leute als in Malang Englisch (wenn aber jemand Englisch kann, dann sehr gut). Javanisch ist neben der Landessprache Bahasa Indonesia ganz groß im Rennen. Manchmal wenn ich mich mit Leuten unterhalte, wird dann nebenbei mein Wortschatz in Bahasa Jawa, Bahasa Madura und Bahasa Sunda erweitert. Manchmal ist es wie der Turmbau zu Babel – ein riesiges Gewirr von Sprachen. Für Small-Talk reicht mein Indonesisch schon aus. Die Leute müssen aber deutlich und langsam sprechen. Meistens übe ich jeden Morgen mein Indonesisch mit unseren Nachbarn, die spontan vorbeikommen, oder ich gehe in die Kirche um Musik zu machen und unterhalte mich mit den Presbytern die im Büro arbeiten. Jeden Tag ist es jetzt immer unglaublich heiß – und es regnet. Bei so einem Tropengewitter sitzen wir manchmal draußen unterm Vordach und genießen die frische und kühle Luft und dann unterhält man sich bei einer Tasse Tee.

 Es gibt keinen schöneren Moment, wenn man auf Indonesisch mit Menschen Witze machen kann, eine Unterhaltung führen kann, deutlich machen kann was man will und die erste Sprachbarriere gefallen ist.

Trotzdem stelle ich mir die ersten Wochen bei der Arbeit noch witzig und hilflos vor. Letzte Woche musste ich spontan in der Religionsgruppe für kleine Kinder Deutsch unterrichten. Das ist so einer der Momente, die man nie vergisst. Man will eigentlich nur zugucken und sich mit den Methoden vertraut machen und dann muss man ohne Vorwarnung unterrichten. Ich musste ein Lied singen („Alle meine Entchen“) und konnte es mir nicht verkneifen den Kindern das Wort „Moin!“ beizubringen. (für Tafelbild hier klicken)


Ach ja... Wir hatten hier ein Erdbeben. Am Donnerstag (13.10) gab es in der Nähe von Bali ein Beben der Stärke 6,8. Hier ist ist nichts passiert, aber wir haben es noch gemerkt. Soweit bin ich ich nicht von Bali entfernt; theoretisch könnte ich mal für 'nen Wochenende mit 'nem Bus nach Bali fahr'n.

Mas Ben

 

 

Kegila-gilaan = sich zum Affen machen; nicht ganz bei Trost sein

Autor: Benjamin | Datum: 05 Oktober 2011, 15:58 | Kommentare deaktiviert

Sorry Leute, aber Ich konnte mich erst jetzt melden. In jedem Absatz findet ihr ein bestimmtes Thema.


Letzten Monat hatte Malang eine echt super Attraktion zu bieten. Zwei echte Deutsche!! Aus allen Ecken schallt es dann: „Hello, Mister! How are you?“ oder man winkt uns mit einem breiten Grinsen zu. So ein Weißer mit Kinnbart, der schon 1,85 cm groß ist, obwohl er erst 19 ist, ist schon etwas besonderes.

Ehrlich gesagt – auch wenn das alles nett gemeint ist – hatte Ich damit zu Anfang meine Probleme. Prägende Erlebnisse war eine Horde von gaffenden Kindern, die sich die Nasen an der Fensterscheibe eines Restaurants platt gedrückt haben, nur um den Weißen (Bule) auf dem Parkplatz zu sehen oder unser Besuch um 5 Uhr morgens auf dem traditionellen Markt. In den ersten Tagen hier habe ich häufiger eine gefrustetes „Wie im Zoo, nur sind wir auf der falschen Seite des Zauns“ von mir gegeben.

Mittlerweile habe Ich mich dran gewöhnt und meistens winke oder rufe Ich auch „Hello, Hello!“ oder einfach nur „Mister!“ zurück. Wenn Ich einer Gruppe Kindern zu winke, eskaliert die Situation total.

Ach ja, manchmal werde Ich sogar gefragt, ob man ein Foto mit mir machen kann. Ich lehne dann immer ab, aber einmal haben wir das sogar als Strategie benutzt. Einmal haben wir nach dem Gottesdienst (Ende um 7 Uhr) Fisch und Reis verkauft. Schlachtruf war: „Sepuluh ribu dan foto dengan Jerman!“ (10.000 Rupiah und ein Foto mit Deutschen)


Zu Anfang war die Situation in Balewiyata (dort wohnen Wir) etwas verwirrend. Uns wurden unglaublich viele Leute vorgestellt und Ich habe gradezu ALLE Namen und Gesichter vergessen, was zu einigen witzigen Fettnäpfchen führte. Häufig wurden Wir in Gottesdienste eingeladen (= noch mehr Leute stellten sich uns vor). Wir mussten uns auch immer vorstellen; auf einem eher gebrechlichen Indonesisch. Zum Glück wurde uns der Gottesdienst oder die Predigt immer von jemanden übersetzt. Nicht selten werden im Gottesdienst Witze (auch auf vermeintlich ernsten Meetings) gemacht. Javaner genießen eine lockere und harmonische Stimmung und lachen viel (und sind sehr spontan!). Wenn man irgendetwas mit einem breiten Grinsen sagt, kriegt man meistens eine Antwort mit einem noch breiteren Grinsen. Man neigt bei der ständingen lockeren und humorvollen Atmosphäre unglücklicherweise schnell dazu, Standesunterschiede zu vergessen. Ich hoffe, dass Ich in dem Punkt nicht zu viele Fehler gemacht habe.

Letzte Woche Mittwoch war „Kulturnacht“ auf dem Gelände der Synode. Pak Suko (Dozent, Komponist, Weltenbummler, Wayangmeister...) gab eine Schattentheater-Aufführung (Wayang), die sehr beeindruckend war. Sie schuf den Rahmen für einen offenen Unterhaltungsabend. Alle Teilnehmer eines Seminars hatten sich in Gruppen zusammengefunden und präsentierten irgendetwas witziges. Alle kugelten sich am Boden vor lachen. Plötzlich rief Meister Suko Ann-Christin und mich auch auf. Nunja... Ich kann nicht singen und unser Indonesisch ist viel zu schlecht um spontan ein Gag-Feuerwerk von uns zu geben. Wir entschlossen uns, uns zum Affen zu machen und sangen das bekannte Kinderlied: „Topi saya bundar“ (Mein Hut ist rund, rund ist mein Hut; Wäre er nicht rund, wäre er nicht mein Hut). Liebe Thea – falls du das jetzt liest – es ist genauso gekommen wie du prophezeit hast. Wir sollen etwas deutsches singen, können aber nur „Topi saya bundar“ von uns geben.


Die GKJW hat alles für uns organisiert: Essen, Sprachkurs bei zwei Lehrerinnen, Essen, die Beschaffung der indonesischen Pässe und Arbeitserlaubnis, Essen, Unterkunft, Essen, Hilfe bei Kulturfragen, Essen... Es wird immer gerne gegessen. Zu einer richtigen indonesischen Mahlzeit gehört Reis. Alles andere (auch wenn man als Europäer satt wird), ist nur ein Snack. Es galt also: dreimal einen Berg an Essen und überwiegend Reis zu bewältigen. 'Nen cooles Beispiel: Shrimps mit Reis zum Frühstück - Bu Hari (Hoch lebe ihre Küche!) zaubert uns jeden Tag Köstlichkeiten aus Südost-Asien. Wenn Ich wieder in Deutschland bin, bin Ich ein braungebrannter und kugelrunder Wonneproppen.

Wird man zum Essen eingeladen und bietet jemanden einem etwas zu Essen an, sollten man nicht unbedingt ablehnen. Kaffee oder Tee wird immer mit sehr viel Zucker getrunken und Speisen sind häufig unglaublich scharf. Einmal habe Ich den Fehler gemacht und gegrillte Fleischbällchen (Bakso) bestellt. Das Zeug trieb mir die Tränen in die Augen und brannte wie Feuer. Ansonsten gibt es hier die abenteuerlichsten Früchte. Zu meinem LIeblingsgetränken gehört „Zur-Zag Saft“, der nach Kiwi-Banane-Zitrone-Apfel und etwas Anderem schmeckt. Ansonsten ist hier eine Portition Essen sehr günstig. Abends am Alun-Alun kann man sich gut ein Glas „Es Degan“ (Kokosnuss) gönnen.


Wenn Wir abends nichts anderes vorhaben, fahren Wir zum Alun-Alun, sehen uns den Krims-Krams der Händler an, dressierte Affen und genießen die belebte Atmosphäre. Zwischen den umherlaufenden Leuten und ihre Ware preisbietenden Händlern gesellen sich mobile Imbiss-Stände und Becak-Fahrer („Becak, Mister?!“).

Der Alun-Alun repräsentiert perfekt das Zusammenleben von Moslems und Christen, alter und neuer Lebensweise. Direkt neben der Immanuelskirche (Ich gehe in eine andere Kirche) liegt die große Moschee und beide sind umrandet von Shoppingmalls, KFC und zwei Filialen von McDonald's. „McD“ ist im überwiegend muslimischen Indonesien nicht unumstritten.

Einmal haben Wir am Alun-Alun zwei Studentinnen aus Slovenien getroffen, die eine Rundreise durch Indonesien gemacht haben. Wir waren nicht die einzigen Weißen in Malang, ab und zu trifft man Amerikaner. Das war wie ein zweiter Kulturschock, als sich auf einmal vor meinen Augen eine amerikanische Reisegruppe auftat, obwohl Ich vorher tagelang keine Weißen gesehen habe.


Musik ist etwas wunderbares und es verbindet die Menschen weltweit. Es scheint, als könne jeder Indonesier singen. Hier gibt es nicht die uns bekannten Notensymbole, sondern orientiert sich beim singen an Zahlen.

Heute Abend ist wieder Gamelan-Probe. Gamelan nennt man eine Gruppierung von verschiedenen Gongs, Schlaginstrumenten und Sängern. Manche sehen aus wie Kochtöpfe und manche haben Ähnlichkeit mit einem Xylophon. Gespielt wird immer im sitzen. Vorletzte Woche durfte ich sogar mitspielen – witziger weise haben wir in einem prunkvollen buddhistischen Tempel geprobt, was die Atmosphäre noch mehr unterstützt hat. Gamelan hört sich – gelinde gesagt – absolut unstrukturiert an. Unstrukturierter ist eigentlich nur eine fünfte Klasse, die Blockflöte lernt. Es steckt aber ein komplexes System hinter dieser einzigartigen Musik: die plötzlichen Tempowechsel, der schwebenden Klang, die Trance-artige und minimalistische Begleitung der Kesselgongs...


Ich bin einer Familie besonders zu Dank verpflichtet: Pak Yohanes, Bu Debbi und ihre Tochter Getsy und ihrem Cousin Yores. Sie haben uns zum Essen eingeladen, uns Infos über die GKJW und die Christen in Indonesien gegeben, Fahrten mit uns unternommen... Einmal hatte uns Pak Yohanes in ein teures Restaurant eingeladen, obwohl wir vorher nur seine Tochter kannten. Das war uns beiden eher unangenehm, aber in Indonesien ist das wohl nicht unüblich um so auf diese Art Freundschaft zu schließen.

Hier auf der Synode haben wir Sophie kennen gelernt, mit der Wir gut klarkommen. Sie ist gerade mit ihrem Studium fertig geworden, spricht ein super Englisch und hilft uns bei allerlei Kulturfragen und anderen Sachen. Sie läd uns zu Jugendgruppen ein, Bandproben, usw ein. Am Freitag versuchen Wir noch so eine Art Abschiedsparty zu organisieren.

Je länger Ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass es eigentlich auch hätte anders laufen können. Ich bin tierisch froh darüber, dass Ich hier so viele nette Leute kennen gelernt habe.


Die Zeit in Malang war super und hat Spaß gemacht. Am Samstag geht es dann um 7 Uhr Morgens nach Jember (doch nicht nach Surabaya). Die Fahrt wird ungefähr fünf Stunden dauern. Mal sehen, ob es dann zu Begrüßung Hundefleisch gibt, weil Ich den Wunsch geäußert habe, wenigstens einmal einen Kläffer zu verspeisen.


Ende Januar sind alle „Indonesien-Freiwilligen“ für ein Seminar in Malang. Bis dahin: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Es ist möglich, dass Ich in Jember als Musiker eingesetzt werde.



Genießt den Herbst oder beneidet mich wegen des sonnigen Wetters,

Mas Benjamin