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Spontanität, Gaststar, Hochzeit

Autor: Benjamin | Datum: 17 November 2011, 06:35 | Kommentare deaktiviert

Fast einen Monat ist es her, aber jetzt sollte Ich mich mal wieder melden... Mittlerweile bin Ich teil des indonesischen Bildungssystems und arbeite als Lehrer in Jember und Rejoagung. Ich habe 2 Deutsche kennengelernt, Verbindung zum Tabak-Imperium geschlossen und war Gast auf einer traditionellen javanischen Hochzeit...

 Ich arbeite von Montag bis Donnerstag in Jember an einer christlichen Privatschule. An diesen Tagen unterrichte ich dann kreuz und quer an allen Schultypen. Das soll nicht heißen, dass ich völlig ohne Plan von Klasse zu Klasse gereicht werde - im Gegenteil ich habe einen gut ausgearbeiteten Plan, der allerdings vorsieht, dass ich im Kindergarten (TK), in der Grundschule (SD), in der Junior-Highschool (SMP) und in der Senior-Highschool (SMA) unterrichte. Ich unterrichte immer Englisch.

Ich bin der erste Freiwillige an dieser Schule. Erst hatte ich ein wenig Angst davor, aber jetzt: No Problem. Witzigerweise wohnt direkt vor der Schule eine Deutsche. Sie wohnt schon sehr lange in Indonesien und unterrichtet an der "Universitas Jember".  

Ich bin allerdings nicht der erste Freiwillige in Rejoagung. Alle 2 Wochen arbeite ich für 2 Tage Dort und übernachte beim Pfarrer. Meine Vorgängerin hat nur in Rejoagung gearbeitet und sie ist noch in aller Munde (Falls sie das jetzt liest: Salam dari setiap penduduk). Obwohl die Kinder eigentlich schon 11 Monate an einen Weißen gewöhnt waren, fingen einige gleich an zu weinen. Auf einmal betritt einfach so ein "Londo" den Kindergarten... ungeheuerlich... "Londo" war früher die Bezeichnung für Holländer. Heute wird das Wort auch für andere Weiße verwendet. Weiter verbreitet ist allerdings "Bule", als Bezeichnung für Westler und Weiße... Kleinen Kindern wurde früher damit gedroht, dass der Londo ("Holländer") sie holen kommt, wenn sie nicht artig sind... 

In Rejoagung unterrichte ich im Kindergarten und in der Grundschule. Dort sind mindestens 30 Schüler in jeder Klasse - in der Schule in Jember durchschnittlich 10. Erst wusste ich nicht, wie ich mich im Kindergarten zu verhalten hatte. Spontanität rockt! Zum Glück sind die Lehrerin alle sehr nett undhaben mich nicht ins kalte Wasser geschmissen. Ich habe gemalt, Englisch unterrichtet, mit den Kindern Ball gespielt... Am 2. Tag hatten sie dann auch keine Angst mehr vor mir. Die Leute aus Rejoagung sind unglaublich nett. Letztes mal haben sie mich auf eine Probe genommen -> Dangdut. Dangdut regiert die Welt und irgendwann erwischt es jeden. Im Grunde hört jeder Dangdut. Selbst wenn er sich öffentlich gegen Dangdut bekennt, hört er doch im verschlossenen Kämmerlein Dangdut. Dangdut ist Indonesien. Indonesien ist Dangdut.

Die Musik hört sich arabisch an und ist nicht selten mit Technobeats unterlegt. Dazu singen dann Frau (meistens knapp begleidet) und kreisen ihre Hüften. Die Zuschauer bei Dangdut-Konzerten sind überwiegend männlich. Warum bloß?

Einmal bin ich mit dem Pfarrer nachmittags zum Dorfrat gefahren, weil er dort einen Fischteich einweihen musste. Es waren viele Leute, u.a. ranghohe Tiere aus Jember. Irgendwann haben sie gemerkt das zufällig ein Deutscher da ist und dann musste ich rund 40 Minuten mit ihnen (als Gaststar) im Schneidersitz vorne sitzen und interessiert gucken. Schneidersitz is dann irgendwann ziemlich schmerzhaft. Danach sollte ich dann sogar symbolisch für ein Foto einen Fisch in den Teich werfen...

 

In Jember war die erste Woche relativ... spontan. Auf den Unterricht könnte ich mich mangels Erfahrung nicht Vorbereiten. Der Lehrer und Ich haben eine Klasse betreten und dann musste ich mich vorstellen und spontan Unterricht aus'm Ärmel schütteln. Einmal sagte ein Lehrer: "Please, the class is yours. You have about 80 minutes." Spontanität rockt.

Leider kann ich nicht auf Englisch unterrichten. Da muss dann Bahasa Indonesia herhalten. Letztes Stunde habe ich mit meiner 11. Klasse über Drogen gesprochen - auf indonesisch. Drogen sind hier ein ganz heißes Thema. Selbst das Nicht-Anzeigen wird hart bestraft. Bis zur Todesstrafe kann es manchmal gehen. Über Drogen und ihre Wirkungen wissen leider nur wenige bescheid. 

 

Eine Hochzeit, die den Regeln der alten javanischen Tradition folgt, gibt es nicht häufig. Was bin ich nur für ein Glückspilz, dass ich durch Zufall in allerletzer Sekunde eingeladen wurde. Die Hochzeit zieht sich über drei Tage. Am ersten Tag wird der Braut von ihren Eltern und anderen Freunden (insgesamt 7) Blütenwasser über den Kopf gegossen. Als Zeichen, dass sich die Eltern das letzte Mal um ihre Tochter kümmern. Vorher bittet die Tochter um die Erlaubniss der Eltern zur Hochzeit. Dabei nähert sie sich ihnen auf Knien. Nachdem die Tochter klischnass ist, wird sie von ihren Eltern gefüttert und ihr wird von ihnen Wasser gereicht, bevor dann alle zusammen essen (Essen = oft und häufig. Die ganze Zeremonie ist auf Javanisch und die alle tragen traditionelle Kleidung. Die Braut trägt Schmuck aus Jasminblüten. Im Javanischen gibt es drei Sprachebenen. Bei der Zeremonie wird nur die höchste, komplizierte und höflichste Ebene verwendet. Eigentlich dürfen an dem Tag nur Frauen anwesend sein. Bei mir gab es zum Glück eine Ausnahme.

Am zweiten Tag findet die offizielle Hochzeit statt. In der Kirche und im Standesamt. Dabei trägt das Brautpaar schon die traditionelle Kleidung. Vermutlich ist eine Hochzeit mit der javanischen Zeremonie so selten, weil das Brautpaar sooft die Kleidung wechseln muss und weil es einfach unglaublich aufwendig ist.

Danach findet die Zeremonie zu Hause statt. Der Bräutigam nähert sich mit seiner Gefolgschaft und Dienern der Braut und ihren Eltern. Nachdem er das mit Blüten, Bananen, Blättern geschmückte Tor betritt, tritt er symbolisch auf ein rohes Ei, worauf sich die Braut sofort hinknied und ihm die Füße mit Blütenwasser wäscht. Ein Zeichen der Unterwerfung. Als nächsten Schritt müssen beide ihre Eltern und Schwiegereltern um die Erlaubniss und um ihren Segen bitten. Auf Knien. Danach werden Fotos gemacht. Die Gäste dürfen schon essen. Mit mir wollten die Leute auch ein Foto machen. 

Abends findet ein Dank-Gottesdienst statt und es wird nochmals viel gegessen. Am dritten Tag findet dann die Feier mit Freunden statt; für Indonesier sind das dann um die 1000 Gäste. Ich könnte aber nicht zur Feier, weil ich mir ein Jugendmusik-Festival anhören musste (Wir haben gewonnen!)

 

Eben noch zum Tabak-Imperium: In Jember befindet sich die größte Tabak-Plantage von vermutlich ganz Südost-Asien. Ich habe einen Deutschen kennengelernt, der für die Company arbeitet. Der ganze Tabak wird nach Bremen verkauft. 

 

Mas Ben, Kak Ben, Mister Ben, Sir, Om Ben, Bang Ben... alles ist als anrede möglich